* Cordula Giese

„Ich sehe sie davonfahren, auf ihrem von einem lahmen Klepper gezogenen, hölzernen Kastenwagen, dem damaligen Transportmittel schlechthin.Vorn auf dem quer liegenden Brett saß mein Opa und meine Tante Erika. Im hinteren Teil des armseligen Gefährtes auf Säcken, in die gebliebene Habseligkeiten verstaut waren, hockte unsere Oma, die mit ihrer jüngsten Tochter Käthe auf die Flucht ging – 1945 – aus einem kleinen Dorf in Schlesien. Mit sich nahmen sie die Gewissheit, in absehbarer Zeit zurückzukehren, wenn der Krieg zu Ende ist und die Verhältnisse wieder normal sein würden.

Der Lauf der Geschichte spülte die Familie in zwei sich trennende deutsche Staaten, aber nicht mehr in die alte Heimat zurück.

Ich, die Tochter der damaligen kleinen Käthe, hörte vom gelobten Land, das immer als das „zu Hause“ bezeichnet wurde und wo jetzt der Russe haust. Auch hörte ich vom Schaukelstuhl und den Fliederbäumen im Vorgarten, und ich fragte schließlich nach Fotos oder Bilder aus diesem Land, wo es einst so schön war.

Bilder gibt es nicht mehr, wurden im Schrank vergessen, als es hieß, wir müssen weg.

Wir sind eine Familie ohne fotografisches Gedächtnis. Geschichten wurden verbal weiter gegeben. Abbildungen gibt es erst wieder ab den 1950-er Jahren, als mein Vater ins Leben meiner Mutter tritt. Ich gehöre einer Familie an, die ohne fotografische Erinnerungen auskommt. Hochzeiten der Großeltern oder Porträts der legendären 1920-er Jahre  sind verschwunden, verloren gegangen im kalten  Januar 1945, den letzten Kriegsmonaten des 2. Weltkrieges, zwischen dem heutigen Polen und Tschechien.

Von 2008 bis 2011 machte ich mich auf den Weg in`s heutige Polen und Tschechien. Von Ossiek Grodkowski , dem kleinen Dorf iNahe Wroclaw, über Hradec Kralove, Praha, Teplice kam ich nach Decin. Das sind  Ort, die für mich eine Bedeutung haben. Ich traf Flüchtende, Wohnungslose, Schutzlose.  Meine Eltern müssen hier von 1945 bis 1959   ebenfalls schutzlos umher geirrt worden sein, bevor sie in Jehserig eine neue Bleibe fanden, die bis heute das „zu Hause“ unserer Familie ist.“ Cordula Giese

Transit 1945, on the road 2011

 

„I see them leaving, in an old high-sided cart drawn by a lame mare – the usual mode of transportation in those days, the last days of the war. Grandpa and Aunt Erika sit in the front, on a wooden plank laid across the cart. In the back of the makeshift vehicle, on the pile of sacks containing their last belongings, Grandma crouches with her younger daughter Käthe, my mother. They are leaving their village in Silesia, fleeing, on the run. They take with them the firm belief that they would return soon, as soon as the circumstances allow. The course of history carried them into two separating German states, but they never found their way back to their former home.

Much later, Käthe’s daughter would hear stories of that Golden Land called “home,” where “The Russians” were now. She heard about the rocking chair and the lilac bushes in the front yard. She wanted to see pictures, photographs of this land that was once so beautiful. But there were no pictures. They were left behind when the only thought was of getting out alive.

We are a family without a photographic memory. Stories were passed on orally. Images start appearing only in the 1950s, when my father steps into my mother’s life. I belong to a family that got along without visual documents. Birthdays, weddings of grandparents, portraits of aunts and uncles in the roaring twenties – all were lost in the cold January of 1945. A difficult family, with many stories, but no photographs.“ Cordula Giese

Transit 1945, auf der Strasse 2011
 

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