* Erik Schiemann

„In Majdanek bei Lublin traf ich Thomas Toivi Blatt, einen der wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers Sobibór. Dorthin, sagte er, also nach Sobibór, sollte ich fahren, dort lägen noch ringsum Knochen auf dem Waldboden verstreut. Blatt schien zu ahnen, was Leute wie mich interessiert. Und er erzählte von Izbica, wo er geboren wurde, wo seine Geschichte begann. Izbica, heute eine unscheinbare Kleinstadt im Südosten Polens, nahe der ukrainischen Grenze, nicht weit von Lublin, war einmal ein Schtetl, wie es im Buche steht, eine civitas Dei im Kleinen, wie es sie überall gab im Osten damals, die jüdische Welt ganz bei sich, aus uralten Quellen schöpfend, trotz all der Armut so voller Leben, Witz und Weisheit. Doch kein Stein blieb auf dem andern. Mit dem Krieg kamen die Nazis ins Land, und mit ihnen nahm das Verhängnis rasch seinen Lauf. Einer Aktion folgte die nächste. Die Einwohner des Orts wurden erst ausgeraubt, dann liquidiert. Und Izbica wurde zum „Transit-Ghetto“ umfunktioniert. 1942 und 1943 durchliefen insgesamt ca. 26000 polnische, tschechische, slowakische, deutsche und österreichische Juden Izbica als Durchgangsstation auf dem Weg der Deportation in die Gaskammern von Bełżec und Sobibór. Diejenigen, die in den letzten Zug nicht mehr hineinpaßten, es waren Tausende, wurden vom Bahnhof hinauf zum Friedhof getrieben und dort umgebracht. Die beherrschende Figur dieser Vorhölle war ein Mann namens Kurt Engels, er war der Kommandant des „Transit-Ghettos“. Von ihm heißt es, er konnte sich morgens nicht zum Frühstück hinsetzen, ohne zuvor auf der Straße wahllos ein paar Leute erschossen zu haben. Tom Toivi Blatt, der diese Willkürherrschaft als Junge in Izbica hautnah miterlebte, spürte den tausendfachen Mörder Ende der 1950er Jahre in Hamburg auf, wo Engels unvorsichtigerweise unter seinem eigenen Namen ein  „Café Engels“ eröffnet hatte, und brachte ihn vor Gericht. Mit Hilfe von Medikamenten nahm sich Engels schließlich in der Haft das Leben, bevor über ihn das Urteil gesprochen werden konnte. Kurt Engels war es auch, der die Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs, der schön auf einem der drei Izbica umgebenden Hügel lag, zum Errichten der Mauern „des Bunkers“, der Arrestzelle des Gestapo-Gefängnisses verwenden ließ. Diese Grabsteine, wovon ich einen fotografiert habe, wurden 2006 feierlich zurück an ihren vorbestimmten Ort überführt.“

Erik Schiemann, Berlin, 27. September 2012

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